Arbeitest du noch oder besitzt du schon 100 Millionen und lebst von der Rendite?
Materielle Ungleichheit – Strategie, Instrumente und Perspektive
Das Video von Zack Polanski, seit September 2025 Vorsitzender der britischen Grünen, ist mehr als starke Kommunikation. Es markiert eine strategische Verschiebung. Die britischen Grünen sprechen nicht mehr primär über individuelle Lebensstile und kulturelle Fragen, sondern über Macht, Eigentum und Vermögen. Sie benennen, was politisch ausgeblendet wurde: Extreme Vermögenskonzentration ist kein Naturgesetz, sondern Ergebnis politischer Entscheidungen und kann dementsprechend politisch korrigiert werden.
I. Die Debatte verschieben
Eine Rückkehr zu Verteilungsfragen lässt sich auch in Deutschland beobachten. Der Juso-Vorsitzende Philipp Türmer argumentierte jüngst im Tagesspiegel, dass der grundlegende Konflikt auch heute noch zwischen Arbeit und Kapital verläuft. Auf der einen Seite steht die breite Mehrheit, die von ihrem Erwerbseinkommen lebt. Auf der anderen eine Minderheit, deren Vermögen Erträge generiert, sodass sie ohne eigene Arbeit im Luxus leben kann.
Diesen Konflikt gilt es strategisch neu zu fassen. Polanski beschreibt die Dynamik großer Vermögen mit einem einfachen Bild: Während die meisten Menschen schlafen, tanzt die Wirtschaft einen kleinen Tanz für die Superreichen. Ohne eigene Arbeit erzielen ihre großen Vermögen Renditen. Über Nacht generieren sie im Schlaf mehr, als andere in einem ganzen Jahr erarbeiten. Das Bild bringt den strukturellen Unterschied zwischen Arbeit und Vermögen auf den Punkt. So ist das Erwerbseinkommen an Zeit und Leistung gebunden, während Vermögen selbst zur Einkommensquelle wird. Ab einer bestimmten Größenordnung wächst es unabhängig von der eigenen Arbeit. Genau diese Dynamik führt zur Konzentration ökonomischer Macht.
So weit, so bekannt. Diese Analyse war einst konstitutiv für die Sozialdemokratie, aber sie ist durch die Mär von „Es gibt doch gar keine Arbeiter mehr“ in den Hintergrund geraten. Polanski und Türmer überwinden diese Erzählung durch die klare Unterscheidung zwischen Menschen, die von Arbeit leben, und jenen, die von Vermögensrenditen leben. Diese Zweiteilung ist produktive Polarisierung im Sinne von Nils C. Kumkar. Und sie ist klug ausformuliert, weil sie Reichtum weit oben ansetzt, nämlich da wo nicht mehr gearbeitet werden muss. Das macht sie, in einer Gesellschaft in der die allermeisten Menschen nicht von Beruf her Privatier oder Erben sind, mehrheitsfähig.
II. Materielle Ungleichheit bekämpfen
Um die ökonomische Konzentration aufzubrechen, muss die Besteuerung also bei den Superreichen, besser: bei den Überreichen ansetzen. Die Politikwissenschaftlerin Martyna Linartas verwendet bewusst diesen Begriff, um das glorifizierende Präfix „Super“ zu vermeiden und stattdessen sichtbar zu machen, dass es sich um ein politisches Problem handelt.
Zentrale Instrumente sind eine reformierte Erbschaftsteuer, die Wiedereinführung einer Vermögensteuer, eine progressive Besteuerung von Kapitalerträgen sowie eine Finanztransaktionssteuer. Sie greifen an unterschiedlichen Punkten derselben Vermögensdynamik an.
Die Erbschaftsteuer ist dabei ein zentraler Hebel. Gut gemacht, verhindert sie die Entstehung eines neuen Geldadels und das Anhäufen von Vermögen über Generationen hinweg. Die strukturelle Ungerechtigkeit der aktuellen Rechtslage ist einfach verständlich. Wie Andreas Audretsch pointiert formuliert: Wer drei Wohnungen erbt, zahlt die Steuer. Wer 300 Wohnungen oder Unternehmensvermögen im Wert von über 26 Millionen Euro erbt, zahlt sie nicht. In der Praxis gilt die Erbschaftsteuer deshalb zynisch als „Dummensteuer“ – gezahlt nur von jenen teilen der Mittelschicht, die nicht reich genug oder „zu blöd“ sind, um sie mithilfe von Steuerberatung wegzugestalten. Eine Steuer, die in diesem Maße große Vermögen privilegiert aber mittlere trifft ist nicht nur schwer zu vermitteln, sondern mutmaßlich auch verfassungswidrig. Mit dem anstehenden Urteil des Bundesverfassungsgerichts und dem Impulspapier der SPD-Bundestagsfraktion gewinnt die Debatte neue Dynamik. Es braucht in diesem Jahr eine Dauerbeschallung über die Ungerechtigkeit des bestehenden Systems durch die Zivilgesellschaft und die gesamte politische Linke. 2026 muss zum Jahr einer gerechten Reform der Erbschaftsteuer werden.
Aber verschenkt und vererbt wird nur alle paar Jahrzehnte. Um Überreiche auch dazwischen entsprechend ihrer Leistungsfähigkeit zu besteuern, ist die Wiedereinführung der Vermögensteuer erforderlich. In der Ausgestaltung als Mindeststeuer für Überreiche bestünde ihr Zweck darin, ein offensichtliches Ungleichgewicht zu korrigieren: Dass Erträge aus sehr großen Vermögen effektiv niedriger besteuert werden als Arbeitseinkommen. Der Ökonom Gabriel Zucman schlägt vor, Vermögen ab 100 Millionen Euro mit jährlich zwei Prozent zu besteuern. Zwar wird so nur das Wachstum verlangsamt und nicht in die Vermögenssubstanz eingegriffen - den Überreichen also nichts genommen. Aber strategisch entscheidend ist zunächst die Einführung der Steuer. Ist sie einmal etabliert, wird ihre Abschaffung politisch schwierig – nicht zuletzt, weil ihr Aufkommen den Ländern zufließt. Ihre konkrete Höhe hingegen bleibt politisch anpassbar.
Und was ist mit Steuerflucht? Die ist schon jetzt wegen der Wegszugsbesteuerung (§ 6 AStG), also dem fingierten Verkauf von Unternehmensanteilen bei Wegzug, und dem automatischen Informationsaustausch zwischen Staaten deutlich erschwert worden. Deshalb ist Steuerflucht (progressives Wording noch gesucht!), so das Netzwerk Steuergerechtigkeit, eher eine leere Drohung.
Schließlich müssen Kapitalerträge, wenigstens solche aus Zinsen, wieder in die normale Einkommenssteuer mit ihrem progressiven Tarif überführt werden. Ergänzend kann eine Finanztransaktionssteuer kurzfristige spekulative Kapitalbewegungen begrenzen. Sie setzt dort an, wo Vermögen nicht investiert, sondern auf dem Aktienmarkt entkoppelt von realer Wertschöpfung gehandelt wird.
III. Materielle Gleichheit herstellen
Die Begrenzung großer Vermögen verhindert ein weiteres Auseinanderdriften der Überreichen vom Rest der Gesellschaft. Sie schafft jedoch noch keine materielle Gleichheit. Während oben abgeschöpft wird, muss unten gestärkt werden.
Das beginnt bei existenzieller Sicherheit. Wer wegen einer kaputten Waschmaschine in Bedrängnis gerät, lebt nicht frei. Gute Löhne, starke Tarifbindung, armutsfeste Sozialleistungen und reale Rücklagenfähigkeit sind Grundbedingungen einer egalitären Ordnung.
Doch Sicherheit allein genügt nicht. Solange Arbeit täglich neu verkauft werden muss, während Eigentum dauerhaft Einkommen generiert, bleibt eine strukturelle Asymmetrie bestehen. Materielle Gleichheit bedeutet daher auch eine breitere Verteilung von Eigentum. Das zeigt sich besonders beim Wohnen. Warum besitzen manche (vor allem Westdeutsche) deutlich mehr Wohnraum, als sie selbst nutzen, während andere ihr Leben lang Miete zahlen? Wohnen ist keine Ware wie jede andere. Deshalb muss Spekulation begrenzt und Wohneigentum breiter zugänglich gemacht werden.
Materielle Gleichheit bedeutet daher nicht nur Schutz vor Armut, sondern Beteiligung am Produktivvermögen. Notwendig sind dafür verpflichtende Mitarbeiterkapitalbeteiligungen in großen Unternehmen, breit diversifizierte Belegschaftsfonds, der Ausbau von Energie- und Wohnungsgenossenschaften sowie öffentliche Beteiligungsfonds, die Renditen kollektiv nutzbar machen. Dabei geht nicht um absolute Gleichheit. Sondern darum, dass niemand dauerhaft in Unsicherheit lebt oder strukturell vom Vermögen anderer abhängig bleibt.
Für mehr materielle Gleichheit heißt das: die Debatte verschieben, Vermögen ganz oben begrenzen und die Breite an Wohnraum und Produktivvermögen beteiligen.
Doch materielle Gleichheit ist kein Selbstzweck. Welche Form von Zusammenleben soll auf dieser materiellen Grundlage entstehen? Und wie müssen wir auch politische Mitsprache und gesellschaftliche Anerkennung neu verteilen? Diese Fragen werden die nächsten Texte leiten.


