Auf lange Sicht s̶i̶n̶d̶ ̶w̶i̶r̶ ̶a̶l̶l̶e̶ ̶t̶o̶t̶ haben wir alle frei
John Maynard Keynes und die Zukunft von Arbeit und Freizeit (Teil 2)
Quelle: National Portrait Gallery
Die Debatte um Arbeitszeit hat sich zuletzt grundlegend verändert. Von der vor einigen Jahren positiv geführten Diskussion um eine mögliche Vier-Tage-Woche ist wenig übrig geblieben. Statt Debatten über die positiven Auswirkungen für die sozial-ökologischen Transformation und wie man von Bullshit-Jobs wegkommt, werden jetzt Debatten rund um Lifestyle-Teilzeit, der Streichung von Feiertagen und Jobverlust durch KI geführt. Wir haben das Thema derArbeitszeitreduktion schon vor zwei Wochen angeschnitten und über “Dritte Zeit” und den aktuellen Verteilungskampf um Arbeitszeit gesprochen.
Aber wieso ist weniger Arbeitszeit überhaupt erstrebenswert? Ökonomisch könnten kürzere Arbeitszeiten die Produktivität pro Stunde steigern und Krankheitsausfälle senken. Ökologisch ist weniger Erwerbsarbeit eng verknüpft mit weniger Konsum, weniger Ressourcenverbrauch und weniger Klimaschäden. Individuell hängt Glück ab einem gewissen Wohlstand weniger vom Einkommen ab, als von der verbleibenden Zeit für soziales und politisches Engagement sowie Gemeinschaft.
“Economic possibilities for our grandchildren”
In diesem Text soll es aber mehr um die ökonomischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten gehen, die uns in die aktuelle Lage gebracht haben. Ausgangspunkt ist dabei der Essay „Economic possibilities for our grandchildren” (5☆) des britischen Ökonomen John Maynard Keynes. Dieser setzte sich schon im Jahr 1930 mit der moralischen Frage auseinander, wie viel man im 21. Jahrhundert arbeiten sollte.
Keynes schrieb den kurzen und sehr empfehlenswerten Text während der vermutlich größten Wirtschaftskrise der Menschheitsgeschichte. Er widersprach dabei der damals verbreiteten, übertrieben pessimistischen Meinung, dass die Phase des Fortschritts und Wachstums nun beendet sei. Stattdessen war die Krise für ihn nur Wachstumsschmerz, die durch den anhaltenden technologischen und ökonomischen Fortschritt verursacht wurde.
Für die nächsten hundert Jahre sagte er voraus, dass der Lebensstandard um das Vier- bis Achtfache steigen würde und dass dies allen Menschen ermöglichen würde, nur noch 15 Stunden pro Woche zu arbeiten.
Er formulierte dafür vier Voraussetzungen: keine großen Kriege, kein unkontrolliertes Bevölkerungswachstum, Vertrauen in die Wissenschaft und eine Verteilung des Wohlstands, die nicht aus dem Ruder läuft. Damit sollten die meisten wirtschaftlichen Probleme in den Industrieländern bis 2030 gelöst sein. Aufbauend darauf, dass am Anfang des 20. Jahrhundert die Wochenarbeitszeit konstant sank, sagte Keynes voraus, dass wir in 100 Jahren, also 2030, nur noch um die 15 Wochenstunden arbeiten müssten. Und wir eher Probleme durch zu viel Freizeit haben würden.
Heute klingen 15 Stunden utopisch, aber das Bemerkenswerte an der Vorhersage von Keynes ist, dass das Produktivitätswachstum, das Keynes vorhergesagt hat, vermutlich bis 2030 leicht übertroffen werden wird. Von der 15-Stunden-Woche sind wir aber noch weit entfernt. Woran liegt das?
Ein erstes Argument kommt vom Ökonomen und Nobelpreisträger Joseph Stiglitz. Auch er sieht die ökonomische Frage als bereits gelöst an, da es sogar weltweit genug Wohlstand gibt, um die globale Armut zu beenden. Trotzdem sind wir noch weit von den 15 Stunden entfernt. Für Stiglitz liegt das daran, dass die Ökonomie und Wirtschaftspolitik das Ziel des „guten Lebens“ verloren hat. Stattdessen wird zunehmend Effizienz angestrebt, während Freizeit in den Hintergrund tritt. Denn Wirtschaftswachstum ist nicht mehr nur noch ein Mittel zum Zweck für die wichtigen Dinge im Leben, sondern selbst zum entscheidenden Ziel geworden. Dabei lassen sich vier konkrete Gründe benennen, warum das so ist.
Vier Gründe, warum wir immer noch so viel arbeiten
Verteilung: Keynes selbst nannte die Verteilungsfrage als eine seiner vier Bedingungen. Dass diese Bedingung aber nicht erfüllt wurde ist spätestens seit den Arbeiten von Thomas Piketty und dem World Inequality Lab zur Verteilung von Vermögen und Einkommen klar. Denn das Produktivitätswachstum seit den 1970er-Jahren, ist relativ ungleich verteilt worden. Ein Großteil der Gewinne ist nach oben geflossen, während untere und mittlere Einkommensschichten real kaum mehr verdienen als vor fünfzig Jahren. Sodass für viele Menschen Arbeitszeitreduktion ohne Lohnausgleich einfach nicht realisierbar ist. Wer wenig verdient, kann sich mehr Freizeit einfach nicht leisten, egal wie viel produktiver die Gesellschaft heute als Ganzes ist. So ist Arbeitszeitverkürzung ohne Umverteilung kein gesamtgesellschaftlich erreichbares Ziel mehr, sondern wirkt wie Geschenk für diejenigen, die es sich sowieso leisten können.
Identität: Für viele Menschen, vor allem in besser bezahlten Berufen, die sich eine Reduktion prinzipiell leisten könnten, ist der Job nicht nur Einkommensquelle, sondern auch identitätsstiftend und ein Ort, an dem man Erfüllung und Selbstwirksamkeit findet. Das ist nicht per se schlecht, erschwert aber die politische Debatte über Arbeitszeitverkürzung erheblich. Aber es wirft eine wichtige Frage auf: Warum ist Arbeit für so viele der einzige Ort, an dem das möglich ist? Engagement im sozialen Bereich, Kultur oder Politik kann das auch, entkoppelt von einer kapitalistischen Logik der Gewinnmaximierung leisten. Dies ist kein Plädoyer gegen Arbeit an sich, sondern für eine Gesellschaft, die mehr Räume schafft, in denen Menschen jenseits ihres Jobs etwas Positives zur Gesellschaft beitragen und Selbstwirksamkeit erfahren können.
Gesellschaftliche Werte: Das zeigt sich am besten im Vergleich zwischen den USA und Frankreich. In den 1970ern arbeitete man in beiden Ländern noch ähnlich viele Stunden im Jahr. Heute arbeiten Franzosen rund 40 % weniger als US-Amerikaner:innen. Das ist kein Zufall, sondern Ausprägung unterschiedlicher gesellschaftlicher Werte. In den USA hat sich eine Kultur des exzessiven Konsums etabliert, in der Produktivitätssteigerungen lieber in höhere Löhne und damit in mehr Konsum umgewandelt werden. In Frankreich wurde zusätzlicher Konsum zugunsten von mehr Freizeit zurückgestellt, sodass Produktivitätszuwächse eher in freie Zeit als in Konsumsteigerungen flossen. Entscheidend sind dafür zwei Aspekte. Erstens, die 35-Stunden-Woche, die 2000 unter Premierminister Lionel Jospin per Gesetz eingeführt wurde. Zweitens, der Unterschied an gesetzlich vorgeschriebenem Urlaub. Denn während Menschen in Frankreich fünf Wochen haben, haben sie in den USA keine einzige Woche gesetzlichen Urlaubsanspruch. Entscheidend für diese politische Errungenschaften in Frankreich waren starke Gewerkschaften und ein linker Premierminister.
Individuelle Arbeitszeitverkürzung: Der vierte Grund ist vielleicht der entscheidendste, weil er zeigt, dass Arbeitszeitverkürzung selten eine individuelle Entscheidung ist. Zum einen verhandeln die wenigsten Menschen ihre individuelle Wochenarbeitszeit. Zum anderen fällt, wer als Einzelner seine Arbeitszeit stark reduziert, aus seiner sozialen peer group heraus, weil er nicht mehr das Gleiche konsumiert und eine andere Lebensweise hat. Im Amerikanischen nennt man das „keeping up with the Joneses”, der Vergleich mit den Menschen um einen herum bestimmt, was man als normalen Lebensstandard definiert. Das macht Arbeitszeitverkürzung zu einer kollektiven und damit politischen Aufgabe. Sie muss gesellschaftlich organisiert werden, nicht individuell erkämpft.
Die internationale Frage
Das alles klingt überzeugend, aber es gibt ein strukturelles Gegenargument, das man nicht wegdiskutieren kann: den internationalen Wettbewerb. Wenn einzelne Länder die Arbeitszeit deutlich verkürzen, während andere nicht nachziehen, entstehen reale Nachteile. Unternehmen könnten Produktion verlagern, ausländische Firmen günstig in europäische Märkte eindringen oder strategisch wichtige Unternehmen aufkaufen. Das ist kein hypothetisches Szenario, Frankreich musste unter Mitterand 1981 einen ambitionierten linken Wirtschaftskurs unter dem Druck der Kapitalmärkte bereits nach zwei Jahren wieder zurücknehmen. Arbeitszeitverkürzung in nur einem Land hat systematische Grenzen.
Das bedeutet aber nicht zwingend, das Ziel der Arbeitszeitverkürzung aufzugeben, sondern eher, sie strategisch größer zu denken. Dafür bieten sich drei Möglichkeiten: Erstens, eine koordinierte europäische Lösung, die Mindeststandards bei Arbeitszeit und Urlaubsansprüchen auf EU-Ebene verankert und damit den Unterbietungswettbewerb zwischen Mitgliedstaaten verhindert. Zweitens, klarere Regeln darüber, wer Eigentümer strategisch wichtiger europäischer Unternehmen sein darf, um zu verhindern, dass kürzere Arbeitszeiten als Einfallstor für Übernahmen genutzt werden. Drittens eine aktive Industriepolitik, die sicherstellt, dass Produktivitätsgewinne nicht einfach ins Ausland abfließen, sondern im europäischen Wirtschaftsraum bleiben. Aber auch schon mit dem Frankreich-USA Vergleich zeigt sich, dass Länder unterschiedliche wirtschaftliche Modelle haben können, wenn man diese richtig ausgestaltet.
Was das für linke Politik bedeutet
Alle diese Entwicklungen haben etwas gemeinsam. Keine der Ursachen, warum die 15-Stunden-Utopie ausgeblieben ist, lässt sich individuell lösen. Wer zu wenig verdient, braucht Umverteilung. Wer Arbeit als einzigen Ort der Selbstverwirklichung kennt, braucht Alternativen, in Kultur, Gemeinschaft oder politischer Teilhabe. Wer sich die ganze Zeit vergleicht, braucht kollektive Normen, die Freizeit aufwerten anstatt sie zu stigmatisieren. Und wer keine Macht über seine eigene Arbeitszeit hat, braucht gewerkschaftliche Organisierung und gesetzliche Rahmenbedingungen, die ihm das ermöglichen.
Das ist keine Absage an individuelle Entscheidungen. Wer weniger arbeiten kann und will, soll das tun. Aber es wäre naiv zu glauben, dass sich die Frage der Arbeitszeit durch persönliche Lebensstiländerungen lösen lässt. Auch schon Keynes vier Bedingungen waren keine individuellen sondern gesellschaftliche Voraussetzungen. Die Konsequenz daraus ist, dass Arbeitszeitverkürzung eine politische Aufgabe ist. Eine, die sich linke Kräfte stärker zu eigen machen sollten, als sie es bisher getan haben.
Dass dafür Rückhalt in der Bevölkerung vorhanden ist, zeigt sich gerade im Backlash gegen die Lifestyle-Teilzeit Debatte. Die Kritik richtet sich dabei nicht gegen die Idee, weniger zu arbeiten, sondern gegen eine Debatte, die so tut, als sei das eine Frage persönlicher Prioritäten und nicht struktureller Möglichkeiten. Darin steckt mehr politisches Potenzial, als es auf den ersten Blick scheint. Keynes hat vor fast hundert Jahren mit seinem Text zum Nachdenken angeregt und den Weg gezeigt, es liegt an linken Kräften, ihn heute weiterzugehen.
Mehr Lesestoff zu dem Thema:
John Maynard Keynes - Economic Possibilities for our Grandchildren
Joseph Stiglitz - Toward a General Theory of Consumerism: Reflections on
Buch: Zachary D. Carter - The Price of Peace: Money, Democracy, and the Life of John Maynard Keynes (5☆)
Amrei Bahr - Macht endlich Feierabend! - Universitäre Überarbeitungskultur unter Veränderungsdruck



