Das Ende der Parteimilieus
Hyperpolitik, volatile Wähler, RoodGroen und die strategische Frage in Baden-Württemberg
Das linke Lager hat in Baden-Württemberg gleichzeitig gewonnen und verloren. Die Grünen triumphieren, SPD und Linkspartei straucheln, dabei teilen alle drei Parteien laut Wahl-O-Mat über 70 % ihrer Positionen. Doch solche Verschiebungen spiegeln eine breitere Entwicklung wider: Parteibindungen werden schwächer, und Wähler:innen wechseln häufiger zwischen ideologisch ähnlichen Parteien.
Doch was lässt sich daraus für das progressive Lager lernen? Gerade weil die Resultate für die verschiedenen linken Parteien so weit auseinanderliegen, lohnt ein genauerer Blick auf die strukturellen Ursachen. Neben spezifischen Faktoren, dem hohen Bekanntheitsgrad von Özdemir, der Zuspitzung mit ihm und Hagel, Fehltritten der CDU auf Landes- und Bundesebene sowie parteiinternen Problemen der AfD, wirkten auch grundsätzlichere Kräfte. Der folgende Text beleuchtet dabei drei Aspekte.
Zum einen geht es um die Beschreibung der aktuellen politischen Lage: Die Wahl illustriert anschaulich die These, die der belgische Historiker Anton Jäger in seinem Buch Hyperpolitik (5☆) entwickelt hat. Zum anderen widmet sich der Text der Frage, wie es für linke Parteien weitergehen kann, mit Blick auf die Niederlande und Baden-Württemberg, und drittens werden die strategischen Optionen für Parteien links der Mitte beleuchtet.
Hyperpolitik
In seinem Buch unterscheidet Jäger vier Momente: Massenpolitik, Postpolitik, Antipolitik und Hyperpolitik. Diese sind keine global klar voneinander abgrenzbaren historischen Phasen, bieten aber eine nützliche Struktur, um Entwicklungen in demokratischen westlichen Industrieländern einzuordnen.
Die Massenpolitik beginnt Ende des 19. Jahrhunderts und endete mit dem Ende des Kalten Krieges. Sie ist besonders durch mitgliederstarke Massenparteien geprägt, die auch in das private Leben der Bürger:innen hineinreichten. Anschaulich beschreibt das auch Rückkehr nach Reims von Didier Eribon (5☆): Vereinfacht dargestellt war ein Arbeiter jener Zeit nicht nur in der SPD, sondern auch in einer Gewerkschaft organisiert, die Kinder besuchten die AWO-Kita, es gab sogar Arbeiterbestattungsvereine, und der Freundeskreis bestand fast ausschließlich aus Personen ähnlichen sozialen Status. Die Beziehung zwischen Individuum und Partei war dabei wechselseitig und prägte beide Seiten.
Mit dem Ende des Kalten Krieges löst die Postpolitik diese Phase ab. Sie ist mit einem „Ende-der-Geschichte”-Gefühl verbunden und führt zu verstärkter Technokratisierung und Depolitisierung. Im Zuge der Individualisierung ziehen sich Bürger:innen zunehmend aus der Politik zurück und lösen sich aus ihren parteipolitischen Identitäten. Mitte-Links-Parteien spielten dabei eine zentrale Rolle. Das bekannteste Beispiel ist der sozialdemokratische Third Way, der neoliberale Elemente mit sozialdemokratischer Wirtschaftspolitik zu verbinden suchte, vertreten etwa durch Tony Blair, Bill Clinton und Gerhard Schröder.
In den späten 2000er-Jahren schlägt eine depolitisierte Haltung in Antipolitik um, sichtbar bei Protesten gegen „das System”, von Occupy Wall Street bis zu den G20-Protesten. Auch für linkspopulistische Parteien führte das zu besonderen Wahlerfolgen, wie Jäger gemeinsam mit Arthur Borriello in The Populist Moment: The Left After the Great Recession (4☆) beschreibt. Bürger:innen traten durch niedrige Hürden zwar Parteien bei, beispielsweise um ihrem Ärger über die Krise Luft zu machen, doch diese Parteien schafften es selten, sie langfristig als Mitglieder zu halten. Das zeigt sich gut an Labour unter Jeremy Corbyn, bei dem die Mitgliederzahl von 2019 bis 2025 von 532.000 auf 333.000 sank.
In der letzten Phase, der Hyperpolitik, spielen intensivierte individuelle politische Mobilisierung sowie politische Konflikte, etwa durch Social Media oder bei Protesten, eine zentrale Rolle. Gleichzeitig findet diese Politisierung in Parteien und anderen Organisationen nur begrenzten Niederschlag. Viele Bürger:innen sind zwar wieder politisch aktiv und bewirken punktuelle Veränderungen, doch diese Aktivität verfestigt sich selten in institutioneller Macht. Beispiele dafür sind die Politisierung von Konsum, etwa die aktuelle Müllermilch-Debatte, oder die Gegen-Rechts-Demonstrationen im Januar 2025: Sie brachten Rekordzahlen auf die Straße und signalisierten eine breite gesellschaftliche Ablehnung der „Remigrations”-Rhetorik, verebbten jedoch relativ schnell wieder.
Volatilität und taktisches Wählen
Jägers Konzept der Hyperpolitik hilft auch zu verstehen, warum Wahlergebnisse heute so volatil sind. Wenn politische Identitäten schwächer werden, fühlen sich Wähler:innen weniger dauerhaft an eine Partei gebunden. Stattdessen orientieren sie sich an kurzfristigen Faktoren wie bestimmten Kandidat:innen, konkreten Themen oder taktischen Überlegungen. Parteien konkurrieren dadurch nicht mehr nur mit dem politisch entgegengesetzten Lager, sondern zunehmend auch mit ideologisch nahen Kräften im eigenen.
Eine Folge dieser Dynamik ist, dass sich Wahlkämpfe häufig auf die Frage zuspitzen, welche Partei innerhalb eines Lagers die stärkste werden kann. Auf diese Logik sind wir bereits in einem anderen Kontext beim Thema Polarisierung eingegangen.
Diese Tendenz zeigt sich jedoch nicht nur dort, wo Wähler:innen die AfD von der Spitze fernhalten wollen. Generell treffen Wähler:innen heute häufiger aus unterschiedlichen, auch taktischen Motiven ihre Wahlentscheidung. In einem Mehrparteiensystem erhält häufig die mandatsstärkste Partei den Regierungsauftrag, ein Faktor, der gerade bei lagerübergreifenden Koalitionen die Wahlentscheidung merklich beeinflussen kann, wie sich in Baden-Württemberg zeigte.
Angesichts des Übergangs zur Hyperpolitik lösen sich klassische Parteibindungen auf, Wahlergebnisse werden volatiler, und Parteien konkurrieren stärker innerhalb ihrer eigenen Lager. Dies wirft neue strategische Fragen für Mitte-Links auf, zumal das deutsche Parteiensystem sich augenscheinlich von sechs auf fünf Parteien verdichtet (je einmal Links, zweimal Mitte-Links, einmal Mitte-Rechts und einmal rechtsextrem), nachdem die FDP als ehemaliger Mitte-Rechts-Konkurrent der CDU offenbar zunächst auf Bundesebene und nun in Baden-Württemberg in die außerparlamentarische Opposition gerutscht ist.
Parteizusammenschluss als strategische Option: Das Beispiel der Niederlande
Eine mögliche Antwort auf diese Herausforderung zeigt sich in den Niederlanden, wo sich zwei Mitte-Links-Parteien zusammengefunden haben. Was man normalerweise eher aus First-past-the-post-Wahlsystemen kennt, das Bündeln von Kräften, um gegenseitige Stimmenverluste zu vermeiden,, wird auch in repräsentativen Mehrparteiensystemen zunehmend relevant: Angesichts des wachsenden Stimmenanteils am rechten Rand werden lagerübergreifende Koalitionen häufiger (in Deutschland waren es vier der letzten fünf Regierungen). Bei der politischen Norm, dass die stärkste Partei eine solche Koalition anführt, kommt es also nicht nur darauf an, wie viele Stimmen ein Lager insgesamt bekommt, sondern auch, wie stark die führende Partei abschneidet. Das zeigt sich gut an der Koalitionsfrage nach der Bundestagswahl 2021: Ausschlaggebend für die Ampel gegenüber Jamaika dürfte gewesen sein, dass die SPD knapp stärker als die CDU war.
Für Deutschland stellt sich damit die Frage: Wenn die FDP als zweite Mitte-Rechts-Partei wegfällt, bei gleichzeitig noch zwei Mitte-Links-Parteien, dürfte das eher dazu führen, dass künftige Koalitionen, ob Große Koalition oder Schwarz-Grün, von der CDU angeführt werden.
Wichtig ist dabei auch, dass Wechselwähler:innen zwischen den Lagern für linke Mehrheiten unverzichtbar bleiben. Der Fokus liegt im Folgenden jedoch vor allem auf lagerübergreifenden Koalitionen und der dabei entstehenden Dynamik zwischen den linken Parteien.
Welche Optionen haben linke Parteien, um langfristig auch solche Regierungen anführen zu können? Der niederländische Zusammenschluss von GroenLinks und der Partij van de Arbeid (PvdA) steht dabei als erstes Modell. Die Fusion galt lange als unwahrscheinlich, beide Parteien hatten seit den 1970er-Jahren nicht mehr koaliert. Angetrieben wurde sie unter anderem durch die anhaltende Dominanz der Mitte-Rechts-Partei VVD unter dem damaligen Premier und heutigen NATO-Generalsekretär Mark Rutte. Das letzte Mal, dass die PvdA für die VVD eine ernsthafte Konkurrenz dargestellt hatte, war bei der Wahl 2012. In Kombination mit dem schwachen Abschneiden von GroenLinks 2021 wuchs das Interesse an einem parlamentarischen Bündnis. (Grafik 1)
Grafik 1: Political Data Year Book
Das Bündnis war jedoch nicht allein wahltaktischer Natur, sondern spiegelte auch die weitgehend ähnlichen Positionen beider Mitte-Links-Parteien wider. Ein maßgeblicher Vordenker und Mitgründer von RoodGroen, der Gruppe die den Zusammenschluss vorbereitete, formulierte es so, dass „es zwar einige geringfügige Abweichungen beim Geschmack und beim Stil, aber in Bezug auf Werte, Ideologie und Visionen mehr Unterschiede innerhalb als zwischen den Parteien gebe. Wir kämpfen für dieselben Ideale, und deshalb macht es absolut keinen Sinn, uns gegenseitig die Wähler*innen abspenstig machen zu wollen”. Verkörpert wurde die Allianz durch den bekannten Sozialdemokraten Frans Timmermans, EU-weit bekannt als treibende Kraft hinter dem EU Green Deal. Sieverweist dabei auch auf die grundsätzliche Relevanz der Verbindung von Labour und Ökologie [1][2].
Um festzustellen, dass Deutschland von einer solchen Annäherung noch weit entfernt scheint, muss man sich nur mit Parteimitgliedern über die jeweils anderen linken Parteien unterhalten, und stößt oft auf das Gefühl, dass zwischen ihnen Welten liegen. Dabei weist R2G beim Wahl-O-Mat eine Übereinstimmung von 71 % auf, während die Ampel nur auf 32 % kommt. Rot-Grün kommt sogar auf 84 %, während die aktuelle GroKo nur 42 % erreicht (Grafik 2). Gewiss ist das keine hinreichende Analyse, bei den Differenzen spielen auch Demographie und sozialer Habitus der Mitgliedschaften eine wesentliche Rolle,, doch die inhaltlichen Überschneidungen sind bemerkenswert.
Baden-Württemberg als Fallbeispiel
In Baden-Württemberg hat sich diese Dynamik besonders exemplarisch gezeigt. Dass die Verluste von SPD und Linkspartei eng damit zusammenhängen, dass Wähler:innen zu den Grünen abgewandert sind, ist keine bloße Ausrede, sondern unter den gegebenen Bedingungen, und in einem internationalen Kontext, in dem linke Parteien überall unter Druck stehen, kaum zu vermeiden gewesen.
Besonders deutlich werden die aufgelösten Parteiidentitäten beim Vergleich der letzten zwei Landtags- und zwei Bundestagswahlen in Baden-Württemberg. Zwar lassen sich Landtagswahl und Bundestagswahl stets nur bedingt gleichsetzen, dennoch zeigt sich hier eine markant gestiegene Volatilität innerhalb der Lager seit dem Ende der Massenpolitik. Dabei geht es nicht darum, dass die Volatilität beliebig ist, es ist davon auszugehen, dass es wirklich spezifische Gründe für die Wechsel gibt (etwa die Entscheidung, welche Partei die jeweilige Regierung anführen soll: SPD im Bund, Grüne im Land). Damit zeigt sich, dass ein substantieller Teil der progressiven Wähler:innen innerhalb weniger Monate taktische und wahlspezifische Aspekte stärker gewichtet als ihre Parteibindung und daher verschiedene Parteien wählt (Grafik 3). Das fügt sich auch in Jägers Modell ein: Selbst die starken Verschiebungen von den 1970ern bis in die 1990er Jahre, mit dem Aufstieg der Grünen, fielen damals deutlich geringer aus (Grafik 4).
Graphik 3: Eigene Darstellung [3] [4] [5] [6]
Graphik 4: Eigene Darstellung[7] [8]
Die Entwicklung im Bundestrend (Grafik 5) macht die zunehmende Volatilität innerhalb des linken Lagers noch einmal deutlich. Während die Union (abgesehen von Covid) über weite Strecken relativ stabil bleibt und auch die AfD einen eher kontinuierlichen Aufwärtstrend zeigt, schwanken die Werte von SPD, Grünen und Linken deutlich stärker, und vor allem auch gegeneinander. Zugewinne einer Partei gehen häufig direkt mit Verlusten einer anderen einher, ohne dass sich das Gesamtpotenzial des Lagers sprungartig verändert. Besonders auffällig ist dabei, wie stark sich Grüne und SPD über die Zeit abwechseln.
Graphik 5: DAWUM
Darin zeigt sich die Logik der Hyperpolitik besonders deutlich: Schwächere Parteibindungen veranlassen Wähler:innen dazu, sich stärker an kurzfristigen Faktoren auszurichten, der wahrgenommenen Stärke einer Partei, einzelnen Kandidat:innen oder taktischen Überlegungen. Parteien konkurrieren dadurch zunehmend nicht zwischen politischen Lagern, sondern innerhalb des eigenen Lagers um dieselbe Wähler:innenschaft. Die Entwicklung in Baden-Württemberg ist daher weniger eine Besonderheit dieser Wahl als ein Symptom eines strukturellen Wandels moderner Mehrparteiensysteme.
Fazit: Strategische Optionen für das linke Lager
Anton Jägers Begriff der Hyperpolitik beschreibt eine politische Konstellation, in der viele Menschen stark politisiert sind, sich aber immer seltener dauerhaft an Parteien binden. Das Ergebnis sind flüchtigere Wahlergebnisse und verstärkt taktische Wahlentscheidungen, mit direkten Konsequenzen für das linke Lager.
Wie geht man damit um, dass Parteien im selben Lager zunehmend miteinander konkurrieren? Eine Möglichkeit besteht darin, sich situativ hinter der aussichtsreichsten Partei zu versammeln, wie in Baden-Württemberg teilweise zu beobachten war und worauf die Sozialdemokraten vielleicht bald in Rheinland-Pfalz hoffen dürfen. Das ließe sich auch stärker, durchaus entgegen parteieigener Interessen, politisch unterstützen.
Einen anderen Weg zeigt die Allianz von PvdA und GroenLinks in den Niederlanden. Das Modell ist zweifellos interessant, doch die inhärent instabile Logik der Hyperpolitik sollte man nicht überschätzen, politische Dynamiken bleiben volatil und können sich schnell verschieben. Ob dies also langfristig wirklich der erfolgversprechendste Weg ist, bleibt offen. Denn gerade wenn es um linke Mehrheiten geht und nicht darum, eine lagerübergreifende Koalitionanzuführen, könnte eine „Arbeitsteilung” zwischen den Parteien wahrscheinlich erfolgversprechender sein (dazu aber bald mehr).
Unabhängig davon, welchen Weg die Parteien wählen, sollte das eigentliche Ziel nicht aus dem Blick geraten: politische Mehrheiten zu organisieren, die progressive Transformationen für das 21. Jahrhundert ermöglichen, und dabei auch über parteipolitische Partikularinteressen hinausgehen.
[1] https://www.thehagueinternationalcentre.nl/why-the-hague-region/the-netherlands-in-a-nutshell/dutch-politics
[2] https://us.boell.org/en/2023/09/08/dutch-united-left-how-greens-and-labor-are-building-coalition-just-green-transition
[3] https://www.bundestagswahl-bw.de/wahlergebnis-bw
[4] https://www.landtagswahl-bw.de/ergebnisse-2026
[5] https://www.bundestagswahl-bw.de/wahlergebnis-bw
[6] https://www.landtagswahl-bw.de/wahlergebnis
[7] https://www.wahlrecht.de/ergebnisse/baden-wuerttemberg.htm
[8] https://www.bundeswahlleiterin.de/dam/jcr/397735e3-0585-46f6-a0b5-2c60c5b83de6/btw_ab49_gesamt.pdf









