Dritte Orte, dritte Zeit
Verteilungskampf um das, was Gemeinschaft möglich macht.
“Buch allein den Heidepark und was man so als Reicher macht. […] Wenn ich ins Kino gehe, dann nur wie Kevin, ganz alleine. […] Dass die Hälfte meiner Kohle an den Staat geht, ist leider nichts für mich.”
– Marteria, MEINS!
Ja, wir wollen substanzielle Erbschaftsteuern, die Wiedereinführung der Vermögensteuer, kostenlose Kitas und überhaupt Bildung, Gesundheit und Wohnen der Marktlogik entziehen. All diese sozialdemokratischen Policies haben jedoch eine Voraussetzung: Den Glauben daran, dass Wohlstand eine kollektive und keine individuelle Errungenschaft ist. Denn wenn ich überzeugt bin, dass Wohlstand individuell und nur durch eigene Leistung erreicht wird, dann bin ich wohl auch dagegen, „dass die Hälfte meiner Kohle an den Staat geht“ um z. B. öffentliche Infrastruktur zu finanzieren.
Man kann, so fasst Oliver Weber das Argument von Michael Sandel treffend zusammen, keinen sozialdemokratischen Staat aus lauter Individualisten zusammensetzen.
Um die Überzeugung zu festigen, dass Wohlstand eine kollektive Errungenschaft ist, fehlen uns jedoch zunehmend die Institutionen, die so ein gemeinschaftliches Gefühl fördern. Kirchengemeinden, Gewerkschaften, klassische Arbeitervereine und Volksparteien erodieren. Man geht zum Lauftreff statt in den Sportverein. Regelmäßig ist von der Vereinzelung und der Individualisierung der Gesellschaft die Rede. Bücher wie Die Gesellschaft der Singularitäten von Andreas Reckwitz (2017) und Bowling Alone von Robert Putnam (2000) tragen diese Diagnosen.
Neben der Digitalisierung und der Säkularisierung ist dafür insbesondere die neoliberale Politik der letzten Jahrzehnte verantwortlich. Thatcher, Reagan aber auch, wenngleich weniger stark, Blair und Schröder haben gemeinschaftsfördernde Institutionen geschwächt, indem sie Gewerkschaften zurückdrängten (den Arbeitsmarkt entfesselten), kommunale Strukturen privatisierten (Effizienz steigerten), Arbeitsverhältnisse deregulierten (flexibilisierten) und soziale Sicherung stärker individualisierten.
Obwohl die SPD mit dem Mindestlohn, der Tariftreue und dem Sondervermögen für Infrastruktur nicht mehr neoliberale Maßnahmen vorantreibt, bleibt ihr Verständnis davon, wie man Menschen überzeugt, neoliberal geprägt. Die SPD macht Politik „für Dich“, also mit der Botschaft, dass Gruppe x durch Maßnahme y genau 37,15 € mehr „in der Tasche hat“ und erwartet, dass diese Gruppe x sie im Gegenzug wählt. Sie schlägt einen Deal vor, eine Transaktion (vgl. Benjamin Mikfeld und Robert Pausch). Sie kommuniziert materielle Verbesserungen oft additiv statt eingebettet in eine größere gesellschaftliche Vorstellung. Dadurch wirken ihre Angebote wie Einzeltransaktionen statt wie Teile eines gemeinsamen Projekts. Die Summe der durch Einzeltransaktionen gewonnenen Gruppen soll dann eine Mehrheit, oder wenigstens weit über 20 Prozent des Wahlvolks ergeben.
Menschen wollen aber nicht nur 37,15 € mehr in der Tasche, sondern eine Politik, die eine kohärente Erzählung von der Zukunft hat, die Hoffnung und Orientierung gibt, vielleicht sogar Identität stiftet, die Angst vor kommenden Umbrüchen und die Wut über die Ungerechtigkeiten dieser Welt adressiert. Ich will das jedenfalls.
Wir müssen also wieder mehr Gemeinschaft herstellen. Weil der Glaube an Wohlstand als eine kollektive Erfahrung eine notwendige Grundlage für progressive Policies ist und weil wir das transaktionale Denken gegenüber Wähler:innen ersetzen müssen durch eine, unsere Policies einrahmende, Erzählung von Gemeinschaft. Diese Erzählung kann hier nicht in Gänze geliefert werden. Stattdessen möchte ich zwei Faktoren benennen, die über materielle Gerechtigkeit hinaus für das Entstehen von Gemeinschaft notwendig sind, und vorschlagen, wie wir diese Bedingungen produktiv framen können.
1. Dritte Orte
Dritte Orte, engl. third places, sind nach dem amerikanischen Stadtsoziologen Ray Oldenburg Begegnungsorte, die sozialen Zusammenhalt abseits vom Zuhause (erster Ort) und dem Arbeitsplatz (zweiter Ort) fördern. Sie sind kostenlos oder niedrigschwellig zugänglich und fungieren als Treffpunkte im Alltag. Typische Beispiele hierfür sind Bibliotheken, Parks, Museen, Volkshochschulen, Biergärten, Eckkneipen, Spielplätze oder einfach öffentliche Tischtennisplatten. Dort begegnet man Menschen mit anderer sozialer und ökonomischer Herkunft. Diese Räume fördern Perspektivwechsel und stärken dadurch Empathie. Hier lernen wir zu streiten und sie schaffen ein Gefühl der Verbundenheit. Dritte Orte sind notwendig, um aus vielen Individuen eine Gemeinschaft zu machen. Man denke nur ans Public Viewing einer Fußball-WM.
Das Gegenteil davon sind exklusive Räume, gated communities oder kommerzialisierte Konsumräume, deren Zugang von der individuellen Kaufkraft oder dem sozialem Kapital abhängig ist. In ihnen bleibt man unter sich und kommt gar nicht in die Verlegenheit Menschen zu begegnen, die wesentlich weniger wohlhabend sind. An der Tischtennisplatte im Park hingegen würden sich Bauherr und Bauarbeiter, CEO und Reinigungskraft, Eigentümer und Mieter auf Augenhöhe begegnen. Ohne solche Begegnung bleibt die Empathie oder gar das Verständnis für andere Lebensrealitäten entsprechend gering und somit auch die Bereitschaft für die Gemeinschaft und ihre (soziale) Infrastruktur Steuern zu zahlen.
Dritte Orte sind, naja, vor Ort und daher meist kommunale Aufgabe. Doch durch die Sparpolitik des Neoliberalismus und die finanzielle Überlastung der Kommunen konnten die sich den Erhalt von Bibliotheken, Schwimmbäder und Jugendzentren häufig nicht mehr leisten. Daneben haben steigenden Mieten Dritte Orte aus den Innenstädten verdrängt.
Die wichtigste Voraussetzung ist daher eine ausreichende finanzielle Ausstattung der Kommunen, damit Bestehendes erhalten werden kann. Außerdem helfen Immobilienvergaben nach Nutzungskonzept, kommunale Ankaufpolitik, Erbbaurecht und günstige Gewerbemieten um den Bestand nichtkommerzieller Treffpunkte zu sichern. Förderprogramme für Vereine und die Aktivierung leerstehender Flächen würden neue Dritte Orte ermöglichen. Zudem stärken das Konzept der 15-Minute-City, verpflichtende soziale Infrastruktur bei Neubaugebieten, langfristige Finanzierungskonzepte und eine gute ÖPNV-Anbindung die dauerhafte Zugänglichkeit dieser Orte.
2. Dritte Zeit
Um Dritte Orte nutzen zu können, braucht man Zeit. Deshalb soll das Konzept der Dritten Orte hier auf Zeit übertragen werden. Neben Zeit für Haus- und Familienarbeit einschließlich persönlicher Pflege (erste Zeit) und Erwerbsarbeit (zweite Zeit) braucht es für ein gutes Leben Freizeit. Diese Dritte Zeit ist da für Muße, Erholung, Sport, Spiel, Freundschaften sowie ehrenamtliches oder politisches Engagement. Gedanklich wird hier an das Konzept des Zeitwohlstands angeknüpft, welches einen Wohlstand beschreibt, der über Materielles hinausgeht.
Politisch lässt sich die Dritte Zeit durch Arbeitszeitverkürzung, ein Recht auf Teilzeit mit Rückkehrrecht, die Begrenzung von Überstunden, das Recht auf Nichterreichbarkeit sowie Pilotmodelle wie die Vier-Tage-Woche vergrößern. Ergänzend schaffen höhere Mindestlöhne und stabile Einkommen sowie der Ausbau von Kinderbetreuung und Pflegeinfrastruktur die materiellen Voraussetzungen dafür, Erwerbsarbeit tatsächlich reduzieren zu können. Kürzere Pendeldauern durch wohnortnahe Infrastruktur, bessere Stadtplanung und einen leistungsfähigen ÖPNV erhöhen zusätzlich den verfügbaren Zeitspielraum (see what I did there?).
3. Produktive Polarisierung
Bei all diesen Policies geht es um die Frage, welche Vorstellung von Wohlstand in der Gesellschaft vorherrscht: Ein individueller Wohlstand, der privaten Luxus maximiert und gemeinschaftliche Infrastruktur vernachlässigt oder ein gesellschaftlicher Wohlstand, der Zeit und Raum für Begegnung als kollektives Gut begreift. Vereinfacht: Mehr USA oder mehr Skandinavien wagen.
Wir wollen, das lässt sich von Nils C. Kumkar lernen, Polarisierung produktiv nutzen. Produktiv wird Polarisierung, wenn reale gesellschaftliche Zielkonflikte sichtbar gemacht werden, ohne die demokratische Verständigung aufzukündigen. Viele der vorgeschlagenen Maßnahmen lassen sich als Verteilungsfragen von Raum und Zeit formulieren. Exklusive Konsumräume stehen offenen Aufenthaltsräumen gegenüber, Immobilienrendite sozialer Nutzung. Wollen wir Infinity Pools für die Überreichen oder kommunale Schwimmbäder für alle? Und wie wollen wir die erhöhte Produktivität durch technologische Innovationen nutzen? Wollen wir Arbeitszeit verdichten und damit mehr arbeiten, für den materiellen Wohlstand weniger oder perspektivisch weniger arbeiten, für den Zeitwohlstand aller?
Die Union positioniert sich in diesem Konflikt, so lässt sich die Beobachtung des Juso-Bundesvorsitzenden Philipp Türmer aufgreifen, mit der Forderung nach Abschaffung sog. Lifestyle-Teilzeit, klar auf einer Seite. Stellen wir uns auf die andere!
Update nach der Bertelsmann-Rede: Wenn jetzt auch Lars Klingbeil in den „Wir müssen mehr arbeiten“-Chor der Union einsteigt, dann tut er das aus der Binnenlogik der aktuellen sozialen Sicherungssysteme heraus. Im Unterschied zu Friedrich Merz scheint seine Motivation dabei nicht das Bemängeln einer allgemeinen Faulheit zu sein, sondern durchaus der Erhalt des Sozialstaates. Nur, so wirkt seine Überzeugung, handele es sich dabei um einen alternativlosen Sachzwang, dem zufolge wir für eine ausreichende Finanzierung dieses Systems eben mehr arbeiten müssten.
Doch genau dieses TINA-Denken (there is no alternative) war konstitutiv für die neoliberale Politik. Sie ist postpolitisch, technokratisch und undemokratisch, weil man so nicht das eigene große linke oder eben rechte Projekt argumentativ bewerben muss (Politik eben), sondern nur noch das scheinbar einzig Sinnvolle, das Notwendige tut. Aber Politik ist nie alternativlos. Aufgrund der dargestellten Relevanz von Dritter Zeit plädiere ich deshalb abschließend dafür, doch über Alternativen nachzudenken. Gern auch eingebettet in die skizzierte Konfliktlinie.


