Wer kämpft hier eigentlich um was?
Was ist die aktuelle Hegemonie, was machen die Neuen Rechten und was machen wir?
In Italien, Ungarn und den USA regieren Parteien der Neuen Rechten schon, in Frankreich, England und einigen deutschen Bundesländern sind sie auf bestem Wege dorthin. Wer sich aktuell mit dem Diskurs zum Erstarken der Neuen Rechten beschäftigt und mit möglichen Strategien für linke Mehrheiten dagegen, kommt an einem kaum vorbei: dem Konzept der Hegemonie und dem italienischen Marxisten Antonio Gramsci.
Häufig spricht man dabei über die kulturelle Hegemonie oder Metapolitik und das Konzept des integralen Staates, wonach sich das Politische über den Staat im engeren Sinne (Parlament, Rechtssystem, Verwaltung) hinaus auf alle Lebensbereiche erstreckt. Die politische Auseinandersetzung und der Kampf um Deutungs- und Diskurshoheit mache nicht vor der Zivilgesellschaft halt und müsse deswegen auch dort geführt werden.
Aber worum geht es beim Kampf um die Hegemonie, wenn man darauf konkret Gramscis Theorie für den Übergang von einer Hegemonie zur anderen anwenden will? Wer kämpft hier um was? Wer für oder gegen die bestehende Hegemonie?
Scheint ganz einfach. Aber wenn man versucht, diese Fragen zu beantworten, merkt man, wie unklar es häufig ist, worum es eigentlich geht. Denn Hegemonie ist nicht uniform und statisch, sondern eine sich ständig weiterentwickelnde Koalition unterschiedlicher Gruppen und Ideologien.
1) Gramscis Schema von Hegemonie und organischer Krise1
In Gramscis Analyse von Gesellschaften gibt es eine Koalition von Gruppen, eine Partei, die die Hegemonie innehat und andere Gruppen, die dieser gegenüber subaltern, also untergeordnet sind. Stark vereinfacht besteht die Hegemonie darin, dass eine Gruppe in der Lage ist, ihre Ideologie als die allgemein gültige und nicht hinterfragbare, natürliche Sicht auf die Dinge zu etablieren. Alle praktischere politische oder wirtschaftliche Macht folgt auf dieser Grundlage daraus, dass sie den Rahmen des Sagbaren definiert (Overton Window), dass sie bestimmt, was als möglich, als gerecht und als notwendig gilt.
Die Hegemonie erlangt eine Gruppe, indem sie zunächst unter den ihr nahestehenden Gruppen führend, also tonangebend wird. Dafür muss sie über ihr direktes ökonomisches Interesse hinaus Bündnisse schmieden und in Interessensolidarität mit anderen Gruppen Parteien bilden. Sie braucht also von anderen Gruppen Zustimmung zu ihrem Projekt – sie muss bündnisfähig sein. Als führend in einer solchen Koalition kann sie dann im Staate herrschend werden.
Zu einem möglichen Übergang von einer Hegemonie zur anderen kommt es nach Gramsci im Moment der organischen Krise. Aufgrund materieller Veränderungen in der Gesellschaft, etwa durch große technologische oder soziale Veränderungen (Individualisierung, Urbanisierung, demographischer Wandel, … ) verschiebt sich das Gleichgewicht. Es kommt immer wieder zu kleineren Krisen, sogenannten konjunkturellen Krisen, auf die der aktuelle Hegemon keine Antwort mehr findet bzw. die im Rahmen der aktuellen Hegemonie (Ideologie) nicht gelöst werden können. Zwei Beispiele für mögliche Positionen: Der Neoliberalismus mit einer strikten Trennung von Staat und Wirtschaft findet keine Antwort auf die Klimakrise. Oder: Unsere säkulare Welt findet keine Antwort auf Individualisierung und Einsamkeits-Epidemie. Dadurch wächst das Misstrauen der Subalternen und der Wunsch nach Veränderung.
Diese strukturellen Krisen allein reichen aber noch nicht für Veränderung. Dafür muss es zu einer großen, substanziellen, einer sogenannten organischen Krise kommen. Hierfür braucht es als Auslöser das offensichtliche Scheitern der bestehenden Hegemonie mit einer Unternehmung, wie etwa einem verlorenen Krieg oder eine große Wirtschaftskrise. Nun entlädt sich das angestaute kritische Potential. Gruppen organisieren sich, bilden eine Opposition, die radikale Veränderungen verlangt. Diese Situation kann nach Gramsci auf zwei Arten aufgelöst werden.
i) Passive Revolution
Die passive Revolution bedeutet eine Absorbierung des kritischen Potenzials durch den aktuellen Hegemon. Die Interessen und Forderungen der Opposition werden teilweise in die aktuelle Hegemonie integriert, damit es nicht zu einer tatsächlichen Revolution kommt. Der Hegemon sucht die Opposition durch Geschenke und Gewalt zu spalten. Es wird versucht, ihre Vordenkerinnen und Führer für sich zu gewinnen, gegeneinander auszuspielen und der Opposition so ihre Schlagkraft zu nehmen. In der passiven Revolution erneuert sich die Führung und der hegemoniale Kompromiss wird neu justiert. Das System “revolutioniert” sich selbst. Alles muss sich verändern, damit alles im Grunde so bleiben kann, wie es ist.
Man könnte argumentieren, dass die Antwort der großen Koalition auf die Klima-Proteste 2019 ein Beispiel für eine passive Revolution darstellt. Einige Forderungen der Bewegung wurden in den bestehenden Konsens aufgenommen, zentrale Plattformen (bspw. Agora Energiewende) in das politische System integriert, die Bewegung verlor an Bedeutung.
Dagegen ließe sich anführen, dass es etwa mit der Pandemie und der folgenden Energiekrise auch andere Gründe für eine Schwächung der Klimabewegung gibt und dass die Bewegung mit dem europäischen Green Deal einige ihrer Ziele tatsächlich erreicht und also zu echter Veränderung geführt hat. Hier öffnet sich die Tür für eine Kritik an diesem Alles oder Nichts, entweder “echte” Veränderung oder nur Oberflächliches. Und man kann sich darüber streiten, was als reale Veränderung zu betrachten ist.
ii) Emanzipatorische Transformation
Scheitert die passive Revolution, kann sich die Opposition verfestigen, weiter wachsen und neuer Hegemon werden. Sie kann dann „echte“, sprich grundsätzliche Veränderungen außerhalb des bestehenden Systems durchsetzen und eine neue Ideologie etablieren. Dafür muss die Opposition hinreichend gefestigt in ihren Positionen sein und ihre Spaltung verhindern.
2) Der Aufstieg der Neuen Rechten
Wie lässt sich diese recht holzschnitthafte Systematisierung auf die aktuelle politische Situation übertragen? In vielen westlichen Gesellschaften erstarken seit Jahren und Jahrzehnten Parteien der Neuen Rechten, die sich den Kampf um die Hegemonie explizit auf die Fahnen geschrieben haben. Hier wurde und wird Gramsci rezipiert, unter anderem bei ihrem französischen Vordenker Alain de Benoist der schon in den 1970er Jahren einen „gramscisme de droite“ forderte oder aktuell in Deutschland bei Benedikt Kaiser in seinem Buch “Der Hegemonie entgegen”.23
Aber handelt es sich beim Projekt der Neuen Rechten und ihrer Ideologie nun um
A) Außen: einen Angriff auf die bestehende Hegemonie von außen (emanzipatorische Transformation) oder
I) Innen: eine Weiterentwicklung gewisser Elemente der aktuellen Hegemonie, also eine oberflächliche Veränderung, bei der am Ende im Grunde alles beim Alten bleibt (passive Revolution)?
Sie selbst sprechen häufig von einem Kampf gegen „das bestehende System“, „die liberale Demokratie“, „die links-grüne Elite“. Und es ist klar, dass ein großer Teil der Neuen Rechten, zumindest der eigenen Auffassung nach, etwas grundsätzlich anderes etablieren möchte – also eindeutig ein Angriff von außen?
Dem ließe sich eine Interpretation entgegenhalten, nach der dieser Angriff eigentlich nichts weiter als eine Radikalisierung des bestehenden kapitalistischen Systems sei. In den Visionen der Neuen Rechten verstärkten sich nur gewisse Elemente, die so alle schon in der bestehenden Ordnung und Ideologie angelegt seien.
3) Das linke Projekt dagegen
Entsprechend der Unterscheidung oben, kann man auch das linke Projekt dagegen grob einteilen in:
I) Innen: eine Verteidigung als Weiterentwicklung der bestehenden Hegemonie von innen oder
A) Außen: einen „alternativen“ Angriff auf die bestehende Hegemonie von außen.
Außerdem stellt sich die Frage, ob aus Rechts A) immer Links I) und aus Rechts I) immer Links A) folgt, oder ob diese auch kreuzweise kompatibel sind. Sprich: Wenn die Neuen Rechten die bestehende Hegemonie von außen angreifen, folgt daraus, dass das linke Projekt zwangsläufig eine Verteidigung von innen sein muss und andersrum? Oder könnten auch beide außen bzw. beide innen zu verorten sein?
Eine Verteidigung der bestehenden Hegemonie von innen bedeutet, dass man schon an ihr Teil haben kann. Es bedeutet, dass man in ihr genügend Macht erlangen kann, Dinge im eigenen Sinne zu ändern und dass das eigene Projekt mit der bestehenden Weltanschauung grundsätzlich kompatibel ist. Außerdem bedeutet es vielleicht – aber nicht zwangsläufig – dass alles im Grunde gleich bleibt. Die passive Revolution besteht ja gerade in der Integration oppositioneller Interessen und der Neuaushandlung des hegemonialen Kompromisses.
Ein Angriff von außen bedeutet eine Ablehnung des Bestehenden und den Wunsch danach, es mit etwas völlig Neuem zu ersetzen.
4) Welche Hegemonie?
Um die Frage „dafür oder dagegen?“ sinnvoll zu behandeln, ist zentral, wofür oder wogegen. Wer oder was sind die „aktuelle Hegemonie“, die dominierenden Akteure und Ideologie? Dabei muss betont werden, dass in der Praxis natürlich nicht eine Gruppe allein alle Macht hat, dass nicht eine bestimmte Ideologie überall vertreten und alles bestimmend ist. Vielleicht ist es angemessener, davon zu sprechen, dass bestimmte Ideologien für bestimmte Bereiche dominierend sind bzw. vor allem für bestimmte Bereiche relevant sind. Je nach Ebene und Bereich kann sich die relative Position und das Ziel einer Gruppe gegenüber der aktuellen Hegemonie ändern (innen d.h. weiterentwickeln oder außen d.h. überwinden).
Diese Überlegungen lassen sich anhand zweier Beispiele veranschaulichen.
Im Sommer 2025 diskutierten der rechtsradikale Verleger Götz Kubitschek mit dem rechtsradikalen Politiker Maximilian Krah in einem Podcast über die Frage, ob die AfD das Ziel haben sollte, Menschen mit deutschem Pass aus Deutschland auszuweisen oder sie dazu zu drängen.4 Während Kubitschek klar dafür ist, lehnt Krah das entschieden ab, mit dem Argument: Dies würde gegen die Grundprinzipien der aktuellen Ordnung gehen und diese wirklich herausfordern. Kubitschek’s Projekt ist eindeutig ein Angriff von außen auf die bestehende, aus der Aufklärung geborene „Ideologie“ der gleichen Bürgerrechte, die im Grundgesetz ihre Entsprechung hat. Krahs Position ist komplizierter. Je nachdem, was man als den aktuellen Konsens sieht, ließe sie sich in diesem Punkt vielleicht auch noch als eine Radikalisierung, eine Weiterentwicklung des Bestehenden betrachten. Dabei sind vermutlich für Krah weniger inhaltliche, sondern eher strategische Überlegungen ausschlaggebend. Er hat das Urteil des OVG Münster zur Einstufung der AfD als rechtsextremistischen Verdachtsfall aufmerksam gelesen und fürchtet sich vor einem Parteiverbot.5
Im Mai 2019 wurde Kevin Kühnert in der ZEIT zu seinen Visionen für eine gerechtere Wirtschaft interviewt.6 Daraus entwickelte sich unter der Überschrift „Kühnert will BMW enteignen“ ein Skandal.7 In dem Interview, aber auch in Teilen der anschließenden gesellschaftlichen Debatte, ging es im Kern um zwei Prinzipien: Privateigentum und Effizienz. Vereinfacht ließe sich die aktuelle hegemoniale Ideologie hierzu unter dem Namen Neoliberalismus so zusammenfassen: Der Schutz des Privateigentums (auch dem an Konzernen mit zehntausenden Beschäftigten) vor staatlichen oder sonstigen Eingriffen ist ein Grundrecht und private Unternehmen sind immer effizienter als staatlich oder genossenschaftliche gemanagte. Aus dieser Perspektive wäre Kühnerts Projekt also ein Angriff auf die bestehende Hegemonie von außen. Andersrum ließe sich darauf verweisen, dass selbst nach dem Grundgesetz Enteignungen explizit möglich sind, Genossenschaften eine lange Tradition haben und in der Volkswirtschaftslehre darüber Konsens besteht, dass bestimmte Güter am besten zentral bereitgestellt werden. Es ist also durchaus Raum für eine Interpretation von Kühnerts‘ Denken als Weiterentwicklung des Bestehenden von innen.
5. Mehr Klarheit wagen
Was sich an diesen beiden Beispielen zeigt: Es fällt schwer, das Schema von organischer Krise und passiver Revolution / emanzipatorischer Transformation eindeutig auf die aktuellen Debatten anzuwenden. Zum einen ist oft nicht klar, welcher Teil des bestehenden hegemonialen Konsens angegriffen wird und inwiefern die Alternative in das bestehende System integrierbar ist. Zum anderen lässt sich darüber streiten, was als “echte” Veränderungen betrachtet werden kann. Dies führt zu der alten Diskussion darüber, ob im bestehenden System durch kleine Schritte auf evolutionärem Weg reale Verbesserungen erreicht werden können oder ob die einzige Möglichkeit dafür revolutionäre Umwälzungen sind.
Wenn im politischen Diskurs vom „Kampf um die Hegemonie“ die Rede ist, wird dies in der Regel nicht berücksichtigt. Häufig ist damit nur ganz allgemein ein Ringen um die Diskurshoheit, die Deutungshoheit über aktuelle Probleme und mögliche Lösungen gemeint. Wir sollten aber viel mehr deutlich benennen, worum es uns eigentlich geht, wenn wir vom „Kampf um Hegemonie“ sprechen. Diese Analyse ist deswegen ein Plädoyer für mehr Klarheit: Wer über Hegemonie spricht, sollte immer zwei Fragen beantworten: 1. Was ist die vorherrschende Hegemonie und 2. In welchem Verhältnis stehen meine Forderungen dazu?
Lia Becker, Mario Candeias, Janek Niggemann & Anne Steckner (Hg.): Gramsci lesen - Einstieg in die Gefängnishefte. Argument Verlag 2013. Auszüge aus den Gefängnisheften, thematisch zusammengestellt und um kurze Einleitungen ergänzt. https://argument.de/produkt/gramsci-lesen-einstiege-in-die-gefaengnishefte/
Interview mit Kaiser im Podcast des rechtsextremen Jungeuropa Verlags “von rechts gelesen”:
Besprechung von Benedikt Kaisers Buch “Der Hegemonie” im Podcast “Der Wahlkreis” (ZEIT):
Das Gespräch von Kubitschek und Krah:


