Wer früher in eine Partei links der Mitte eintrat, bekam oft Lektüre mit auf den Weg, politische Bücher ebenso wie Romane und Gedichte. Das geht zurück auf die Arbeiterbildungsvereine des 19. Jahrhunderts. Dort trafen sich Arbeiter nach Feierabend, um zu lesen und zu diskutieren. Dahinter stand der Wille, dass sich möglichst viele Menschen mit Ideen auseinandersetzen können. Wilhelm Liebknecht fasste das 1872 in die Formel „Wissen ist Macht, Macht ist Wissen“. Auch die Bewegungen, aus denen später die Grünen hervorgingen, lebten von Lesekreisen und Streitschriften.
Heute bekommt man etwa als Juso kaum noch etwas zum Lesen empfohlen, und um die großen Ideen wird zu wenig gestritten. Daran wollen wir im Kleinen etwas ändern, mit unserem Newsletter „Aus dem Vorfeld“ und mit dieser Liste von zehn Sachbüchern, die unser Denken geprägt haben. Diese Liste mit Büchern zu Politik, Gesellschaft und Wirtschaft ist explizit kein Kanon und keine Pflichtlektüre, sondern lediglich eine Einladung.
Vollständig ist sie auch nicht. In dieser Liste fehlen viele lesenswerte Bücher, etwa zu Klima, Rassismus oder Feminismus. Wir wollten uns jedoch auf zehn Bücher beschränken und erheben deshalb keinen Anspruch, alle wichtigen Themen abzudecken. Umso mehr freuen wir uns über konkrete Empfehlungen!
I. Zur Politik
1. Chantal Mouffe, Für einen linken Populismus (Suhrkamp 2018)
Warum wächst der Rechtspopulismus gerade dort, wo die Mitte vernünftig regiert und eifrig versucht, Probleme zu lösen? Die belgische Politikwissenschaftlerin argumentiert, dass sich Mitte-links und Mitte-rechts in den letzten Jahrzehnten so weit angenähert haben, dass echte Alternativen verschwunden sind. Die Politik ist ein wenig eingeschlafen, zur Verwaltung geworden. Mouffe nennt das postpolitisch.
Für Mouffe ist Politik geprägt von sich agonistisch gegenüberstehenden Gegnern, die Konflikte in der Sache hart austragen. Anders gesagt: Demokratie braucht beherzten Streit. Weil der nicht geführt wurde, entstand eine Lücke, in die die neue Rechte stoßen konnte. Mouffes Antwort ist ein linker ökonomischer Populismus, der eine klare Grenze zieht zwischen Volk und einer wirtschaftlichen Oligarchie. Dieses Volk gibt es nicht einfach, es muss als breites Bündnis über Zugehörigkeit und Leidenschaft gebaut werden. In der Praxis prägen diese Gedanken z.B. Zack Polanski in Großbritannien oder Bernie Sanders in den USA. Was daraus für die SPD folgt, steht in „Genug verwaltet“.
2. Nils C. Kumkar, Polarisierung. Über die Ordnung der Politik (Suhrkamp 2025)
Alle reden von der gespaltenen Gesellschaft, dabei denken die meisten Menschen in Sachfragen ziemlich moderat. Der Soziologe Nils C. Kumkar versucht diesen Widerspruch aufzulösen: Polarisiert sind nicht unsere Einstellungen, sondern die Art, wie wir über Politik sprechen. Polarisierung ordnet die politische Kommunikation entlang zweier Pole. Das schafft Übersicht und klickt gut. Außerdem ist Polarisierung in der Demokratie selbst angelegt, im Gegenüber von Regierung und Opposition. Polarisierung ist also kein Fehler im System, sondern ein Bestandteil davon.
Die entscheidende Konfliktachse setzt aktuell aber die AfD. Sie tritt nicht als eine Opposition unter vielen auf, sondern als Fundamentalopposition gegen das ganze System. Wenn die anderen Parteien darauf als „Demokraten“ antworten, verschmelzen Regierung und Opposition zu einem Block, dem die AfD allein gegenübersteht. „AfD gegen den Rest“ dominiert die Politik, und das nützt der AfD. Wer das ändern will, muss andere Konflikte in den Vordergrund rücken. Das Buch setzt einem eine Analysebrille auf, die man so schnell nicht wieder absetzt. Was daraus für die SPD folgt, steht in unserem Text „Wer nicht polarisiert, verliert“. Seit August 2026 gibt es das Buch bei der bpb für 5 Euro.
Für viele ist der Keynesianismus eine ökonomische Theorie auf Grundlage der Ideen von Keynes, irgendwo zwischen Neoliberalismus und Sozialismus. Geoff Mann geht es in diesem Buch jedoch um mehr, nämlich um eine politische Denkrichtung, die weit über Keynes hinausgeht und schon lange vor ihm beginnt. Sie ist bis heute relevant, vor allem dort, wo es der Linken darum geht, die Wirtschaft so zu managen, dass sie gerechter wird, ohne eine gewaltsame Revolution zu starten. Dabei betrachtet Mann den Keynesianismus mit einer gewissen Sympathie, aber auch aus kritischer Distanz. Das Buch ist deshalb auch dann interessant, wenn man nicht alles teilt, denn es bietet eine treffende Beschreibung von Teilen der politischen Linken. Das macht es besonders, aber nicht nur, für Wirtschaftsinteressierte lesenswert.
Die Geschichte, die Mann erzählt, setzt bereits bei der Französischen Revolution an. Deren Errungenschaften waren zwar positiv, doch die Revolution mündete erst im Terror und schließlich in der Machtübernahme Napoleons. Basierend auf dieser Erfahrung entwickeln Denker wie Hegel und später Keynes eine Antwort, die die westliche demokratische Gesellschaft so verändern soll, dass eine fehlgeleitete Revolution verhindert wird. Diese teils liberale Denktradition ist dabei ziemlich kritisch gegenüber dem Laissez-faire-Kapitalismus und seinen (neo-)liberalen Verteidigern, denn der Kapitalismus und die liberale Gesellschaft tragen Tendenzen in sich, die diese aus sich selbst heraus zerstören können. Trotzdem ist dieses Projekt weder sozialistisch noch reformistisch. Es versucht vielmehr, diesen Widerspruch zu überbrücken. Mann beschreibt das Projekt des Keynesianismus als eine Revolution, die dauerhaft aufgeschoben wird. Ganz unproblematisch ist es aber nicht, denn trotz seiner progressiven Sichtweise ist es zutiefst technokratisch und elitär und hat aus Angst vor dem Verlust zivilisatorischer Errungenschaften ein ambivalentes Verhältnis zur Demokratie und zum Volk. Das Buch ist nur auf Englisch erhältlich.
II. Zur Gesellschaft
Jahrhundertelang war quasi von Geburt an festgelegt, wie unser Leben einmal aussehen würde. Der älteste Sohn des Königs wurde König, die Tochter der Magd wurde wieder Magd. Auch in den industrialisierten Gesellschaften des 19. und frühen 20. Jahrhunderts waren berufliche und soziale Zukunft noch klar durch Herkunft und Geschlecht bestimmt. Das änderte sich schrittweise und mündete in dem Versprechen sozialer Mobilität: „You can make it if you try.“ Wozu man es im Leben bringt, soll einzig von der individuellen Leistung abhängen und nicht von Umständen außerhalb der Macht des Einzelnen. Klingt doch ziemlich gut, oder?
In seinem Buch aus dem Jahr 2020 beschreibt der amerikanische Philosoph Michael Sandel, worin das Problem mit dieser Vorstellung besteht. Im gleichen Maße, in dem Einkommens- und Vermögensungleichheit in den letzten Jahrzehnten gestiegen sind, hat die Vorstellung der Meritokratie an Einfluss gewonnen, während die tatsächliche soziale Mobilität abgenommen hat. Die Meritokratie besagt im Kern, dass Ressourcen wie Geld, Macht und Anerkennung alleine aufgrund individueller Leistungen verteilt werden sollten, unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Religion. Die Voraussetzung dafür sind Chancengleichheit und ein fairer Wettbewerb, in dem sich die individuelle Leistung feststellen lässt. Für Sandel bleibt dieses System ungerecht, weil in unseren Gesellschaften nicht tatsächlich Chancengleichheit besteht, diese auch gar nicht absolut verwirklicht werden kann und die Rolle des Zufalls so ignoriert wird. Die Meritokratie sei deswegen weniger ein Zuteilungsmechanismus als eine Rechtfertigungsstrategie für Ungleichheiten. Sie erzeuge Überheblichkeit bei den in diesem System Erfolgreichen und ein Gefühl der Demütigung bei den Verlierern. Diese Emotionen stehen einem solidarischen und am Gemeinwohl orientierten Zusammenleben im Wege und sind für ihn eine zentrale Erklärung für die breite Unzufriedenheit mit den liberalen Eliten und der liberalen Demokratie allgemein.
5. Anton Jäger, Hyperpolitik. Extreme Politisierung ohne politische Folgen (Suhrkamp 2023)
Das in Deutschland bereits 2023 veröffentlichte Buch „Hyperpolitik“ des belgischen Historikers Anton Jäger ist Anfang 2026 auch auf Englisch erschienen und wird daher wieder breiter diskutiert. Der eher schmale Band bietet einen aufschlussreichen Überblick über die politisch-gesellschaftliche Lage in Westeuropa und den USA. Das Buch ist so interessant, weil es den aktuellen Trend sehr gut beschreibt, dass sich Politik sehr individualisiert anfühlt und sich in kurzlebigen, wenig Veränderung bringenden Momenten widerspiegelt.
Jäger unterscheidet darin vier Momente: Massenpolitik, Postpolitik, Antipolitik und Hyperpolitik. Sie sind keine klar getrennten Phasen, helfen aber, Entwicklungen in westlichen Demokratien einzuordnen. Die Massenpolitik reichte vom späten 19. Jahrhundert bis zum Ende des Kalten Krieges. Kennzeichnend waren mitgliederstarke Massenparteien, die weit in das Privatleben hineinwirkten. Ein Arbeiter war nicht nur Mitglied der SPD, sondern auch einer Gewerkschaft, seine Kinder gingen in die AWO-Kita und so weiter. Danach folgte die Postpolitik. Getragen vom Gefühl eines „Endes der Geschichte“ führte sie zu mehr Technokratie und Entpolitisierung, die Bürger:innen lösten sich von parteipolitischen Bindungen. Nach der Finanzkrise kippte diese Haltung in Antipolitik, erkennbar an Protesten gegen „das System“ wie Occupy Wall Street. Vor allem populistische Parteien profitierten davon, konnten ihre neuen Anhänger:innen aber selten langfristig binden. In der jüngsten Phase, der Hyperpolitik, stehen verstärkte individuelle Mobilisierung und zugespitzte Konflikte im Mittelpunkt, sei es in sozialen Medien oder auf der Straße. Diese Politisierung schlägt sich jedoch kaum in Parteien oder Organisationen nieder und wird selten zu institutioneller Macht und dadurch zu anhaltender Veränderung. Das zeigt sich etwa bei Black Lives Matter oder in Deutschland an Demonstrationen gegen Rechts im Januar 2024. Hier wurden Rekordzahlen mobilisiert, aber nicht institutionalisiert und haben somit nicht zu langfristig dauerhafter Veränderung geführt.
6. Patrick J. Deneen, Why Liberalism Failed (Yale University Press 2018)
Patrick J. Deneen ist ein rechtskonservativer katholischer Politikwissenschaftler aus den USA und gilt als Vordenker von JD Vance. Sein reaktionäres Familienbild, der Fokus auf Religion und sein Vorschlag für eine neue Aristokratie helfen uns nicht weiter. Aber das Buch hat die Debatte über einen Postliberalismus angefacht und war auch für uns ein lesenswerter Einstieg. Es schärft den Blick für die Schwächen des Liberalismus und erklärt einen aufkommenden Sozialkonservatismus, der je nach Ausprägung wirtschaftlich (leicht) links und gesellschaftlich (extrem) konservativ ist.
Die These Deneens lässt sich wie folgt zusammenfassen: Der Liberalismus ist gescheitert, weil er erfolgreich war. Er versprach Freiheit von Aristokratie, Tradition und Natur und hat dafür alles aufgelöst, was Menschen früher Halt gab, von der Familie über die Nachbarschaft bis zur Gewerkschaft. Übrig bleibt ein Individuum, das allein zwischen globalem Markt und zentralem Staat steht. Weil die alten Gemeinschaften fehlen, muss der Staat immer mehr regeln, und so wachsen Individualismus und Staat gemeinsam. Wir haben grenzenlose Auswahl als Konsumenten, aber kaum politische Kontrolle als Bürger. Links und rechts sind heute linksliberal und wirtschaftsliberal, d. h. zwei Spielarten desselben Liberalismus. Wie eine linke Antwort auf die Krise des Liberalismus aussieht, die hinter seine Errungenschaften nicht zurückfällt, beschäftigt uns seitdem. Das Buch ist deutsch ausverkauft, auf Englisch aber noch erhältlich.
7. Andreas Kemper und Heike Weinbach, Klassismus. Eine Einführung (Unrast 2009)
Auch wenn der Vibe Shift es beinahe vergessen macht, gab es in den letzten Jahren mit Black Lives Matter und MeToo zwei globale, die öffentliche Debatte bestimmende Protestbewegungen, die sich gegen fortbestehenden Rassismus und Sexismus in unseren Gesellschaften einsetzten. Eine ähnliche Bewegung gegen Klassismus gab es bis heute nicht, obwohl auch er eine zentrale und sich häufig mit anderen Dimensionen überschneidende Form von Diskriminierung ist. Das Buch des Soziologen Andreas Kemper und der Philosophin Heike Weinbach bietet eine zugängliche und historisch gut informierte Einführung in den Klassismus.
Sie verstehen unter Klassismus institutionelle, kulturelle und individuelle Praktiken, durch die Menschen aufgrund ihres sozioökonomischen Status ein unterschiedlicher Wert zugeschrieben wird. Klassismus umfasst damit sowohl den Ausschluss von Ressourcen und politischer Teilhabe als auch die Verweigerung von Anerkennung und Respekt gegenüber anderen Lebensweisen. Der Begriff wurde vor allem von US-amerikanischen Bewegungen der 1970er Jahre geprägt, in denen lesbische Feministinnen aus der Arbeiterklasse Klasse früh mit Geschlecht und „Rasse“ zusammendachten. Am Beispiel des Bildungssystems zeigen Kemper und Weinbach, wie soziale Unterschiede naturalisiert und von den Betroffenen verinnerlicht werden, sodass etwa Kinder aus Arbeiter- und armen Familien trotz gleicher Fähigkeiten vom System „aussortiert“ werden und etwa seltener aufs Gymnasium gehen.
III. Zur Wirtschaft
8. Thomas Piketty, Das Kapital im 21. Jahrhundert (C.H. Beck 2014) und Eine kurze Geschichte der Gleichheit (C.H. Beck 2022)
Mit „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ löste der französische Ökonom Thomas Piketty 2013 einen regelrechten Hype aus. Die Kernbotschaft dieses über 800 Seiten starken Wälzers voller historischer Details ist dabei sehr einfach: In den letzten vier Jahrzehnten ist die Einkommens- und Vermögensungleichheit in den westlichen Industriestaaten und darüber hinaus massiv angestiegen. Und zwar aus einem einfachen Grund: r > g. Das sind die beiden üblichen VWL-Zeichen für die Rendite auf Kapital (also die Wachstumsrate von Vermögen) und die Wachstumsrate der Volkswirtschaft (und damit in etwa die der Löhne). In normaler Sprache bedeutet das: Wer reich ist und von Kapitaleinkünften lebt, wird reicher. Wer hingegen von seinem Arbeitslohn lebt, kann damit niemals mithalten.
Gleichzeitig zeigt Piketty, dass das nicht unausweichlich ist. Zwischen 1914 und 1945 wurde die Einkommens- und Vermögensungleichheit durch die Zerstörungen zweier Weltkriege, Inflation und hohe Steuern radikal reduziert. In den ersten Jahrzehnten danach wurde sie durch hohe Steuern und eine keynesianische Wirtschaftspolitik weiter gering gehalten (in den USA lag der Spitzensteuersatz zwischen 1932 und 1980 im Schnitt bei über 80 Prozent). Für uns waren das Buch und die damit ausgelöste Debatte äußerst prägend und bilden bis heute den materiellen Hintergrund für viele der anderen hier beschriebenen Entwicklungen und Mechanismen. Wer keine Zeit für die über 800 Seiten hat, findet in „Eine kurze Geschichte der Gleichheit“ eine deutlich zugänglichere Zusammenfassung dieser Beschreibungen.
9. Brett Christophers, The Price Is Wrong. Why Capitalism Won’t Save the Planet (Verso 2024)
Erneuerbare Energien sind längst günstiger als fossile, und trotzdem kommt ihr Ausbau nur schleppend voran. Warum das so ist, zeigt der Wirtschaftsgeograf Brett Christophers in einem relativ technischen und durchaus anspruchsvollen Buch, das sehr vieles erklärt, was man über den Strommarkt wissen muss. Seine Kernthese steckt schon im Titel. Auf den Preis kommt es für den Ausbau gar nicht an. Entscheidend für Investitionen ist, ob sich damit verlässlich eine Rendite im hohen einstelligen Prozentbereich erzielen lässt.
An diesem Beispiel lässt sich gut verstehen, warum die Energiewende nicht ohne Staatseingriffe funktionieren kann. Christophers zeigt, dass Erneuerbare, insbesondere Solaranlagen, zu ähnlichen Zeiten Strom erzeugen. Dadurch entsteht ein Überangebot, das den Preis drückt, teilweise sogar ins Negative. Für Konsument:innen mag das gut klingen, für Produzenten sinkt damit aber der Anreiz zu investieren. Hinzu kommen stark schwankende Preise und hohe Finanzierungskosten, die die Erträge langfristig unsicher machen. Angesichts dieser Marktstruktur muss die Lösung vom Staat kommen. Bisher geschieht das vor allem durch Derisking, indem der Staat über Subventionen oder feste Abnahmepreise stabile Profite garantiert und so das Verlustrisiko für private Investoren minimiert. Christophers sieht diesen Weg jedoch kritisch, weil er teuer ist und die Profitlogik letztlich nur absichert, statt das eigentliche Problem zu lösen. Stattdessen sollte der Staat die erneuerbaren Energien selbst ausbauen. Denn staatliche Akteure unterstehen nicht dem gleichen Druck, Rendite erwirtschaften zu müssen, und können deshalb auch dort investieren, wo es sich für private Unternehmen nicht lohnt. Das Buch ist nur auf Englisch erhältlich.
10. Adam Tooze, Crashed. Wie zehn Jahre Finanzkrise die Welt verändert haben (Siedler 2018)
In „Crashed“ erklärt der universalgelehrte britische Wirtschaftshistoriker Adam Tooze vordergründig die globale Finanzkrise von 2008, die enge Verknüpfung mit der europäischen Schuldenkrise und wie diese Ereignisse unsere Welt nachhaltig beeinflusst haben. Tatsächlich liefert er darüber hinaus eine Analyse der Verschränkung zwischen ökonomischen Mechanismen, politischen Prozessen und gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen über ein Jahrzehnt, die in Summe die vielleicht stringenteste Beschreibung davon bietet, wie „die Welt funktioniert“. Zwar hat sich in den bald zehn Jahren seit Erscheinen einiges getan, vieles gilt jedoch weiterhin oder ist vor diesem Hintergrund noch besser zu verstehen.
Das Buch ist dabei durchaus anspruchsvoll und mit seinen gut 700 Seiten auch sehr umfangreich. Doch mit einem zielstrebigen Stil und einer bestechenden Kenntnis schafft es Tooze, dass alle, vom gelegentlichen Zeitungsleser bis zur Macro-Finance-Professorin, einiges mitnehmen können.
Unser Libero
Wenn du nur eines liest, dann das. Hier diskutieren Thomas Piketty, der Ungleichheitsforscher aus Paris, und Michael Sandel, der ausgerechnet in Harvard die Leistungsgesellschaft kritisiert. Auf gut 150 Seiten geht es um wachsende Ungleichheit, Klima, Migration, den Aufstieg der Rechten und die Zukunft der Linken.
Wie ein Libero ist das Buch damit auf keine Position festgelegt und spielt in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik zugleich. Wer die großen Bücher der beiden nicht kennt, bekommt hier beide Diagnosen kurz und verständlich. Einig sind sie sich fast immer, das Gespräch ist eher ein Freundschaftsspiel. Spannend wird es dort, wo sie unterschiedlich gewichten. Piketty setzt auf Steuern und Umverteilung, Sandel auf Anerkennung und die Würde der Arbeit.





